Direktion

Direktion Woelffer

Hans Wölffer
„Die dritte Generation! Das ich das noch erlebe!“ rief der berühmte Theaterkritiker Friedrich Luft aus. Er gehörte zum stehend applaudierenden Publikum, das gerade den Erfolg des jungen Martin Woelffer feierte. Es war die Premiere „Der Menschenfeind“ von Enzensberger nach Moliere und gleichzeitig die Eröffnung der kleinen Bühne „magazin“(die tatsächlich bis dato das Magazin des Theaters war) hinter dem bzw. im Theater am Kurfürstendamm. Martin hatte mit anderen jungen Leuten vom Hause eine neue Spielstätte aus der Taufe gehoben.

Sein Großvater Hans Wölffer – das ö wurde nach dem Krieg zum oe, weil die den Ausweis ausstellende Behörde nur eine englische Schreibmaschine ohne Umlaut hatte – war Begründer der noch immer existierenden Theaterdirektion. Schon früh schlummerte in ihm ein gewisser Hang zum Theatralischen: Er wollte bereits Pfarrer werden, als Gleichaltrige noch den Beruf des Lokomotivführers als das Größte ansahen. Sein erstes Geld verdiente er als Fünfjähriger im Dom zu Schleswig (seiner Geburtsstadt), wo er auf Grund einer Wette die Orgel für die Bauarbeiter spielte. Wohl angeregt durch seinen Onkel Paul Wölffer, der Ballettmeister in Stettin war und den er fast noch mehr bewunderte als den örtlichen Pfarrer, studierte er später Musik, wurde Operndirigent und -regisseur. Eine vielleicht zu schnelle Karriere brachte den jungen Mann aus eher einfachen Verhältnissen über mehrere große und kleinere Opernhäuser nach Berlin zur Privatdirektion Rotter. Die hatten hier die Leitung der großen Musiktheater wie das Metropoltheater, der Admiralpalast, das Plaza, die Komische Oper, das Theater des Westens und waren dabei, die Krolloper wieder zu eröffnen. In ihrem Ensemble fand man Namen wie Richard Tauber, Gitta Alpa, Max Hansen und Fritzi Massary.

Hans Wölffer bewunderte die Theaterfamilie Rotter, sie war fortan Vorbild für ihn. Ebenso wie deren Stellvertreter Hans Sanden, mit dem er nach dem Krieg den Neuanfang in Berlin wagte. Leider machte ihn der politische Wandel arbeitslos, eine Rückkehr an ein staatliches Haus war schwer. Also ergriff er die Gelegenheit und wurde selbst Theaterdirektor. Sein erstes Haus war das „Theater des Westens“ mit dem er 1961 ein kleines Stück Westberliner Theatergeschichte schrieb: Die umjubelte Erstaufführung von „My Fair Lady“. Die Premiere war kurz nach dem Mauerbau, es lief (New Yorker Dimensionen) drei Jahre lang allein in Berlin, wurde danach und gleichzeitig in fast allen deutschsprachigen Großstädten gezeigt und wurde so zum Politikum. Drei aufwändige Dekorationen und Besetzungen standen bald zur Verfügung. Die Aufführung stand für den Durchhaltewillen Berlins und der ganzen westlichen Welt. Daneben florierten „Komödie“ und „Theater am Kurfürstendamm“, die Hans Wölffer seit 1935 bis 1942, und dann wieder ab 1950 bzw. 1962 führte. Unter den Nazis hatte er, obwohl oder gerade weil die Theater sehr beliebt waren, große Schwierigkeiten, was schließlich zur Enteignung führte.

Jürgen Woelffer
Seine Söhne Jürgen und Christian wurden Schauspieler und Regisseure. Vor allem als Regisseure waren sie in vielen deutschsprachigen Städten erfolgreich und natürlich auch zu Hause in Berlin. Schon früh wurden sie an Vaters Bühnen Mitgesellschafter. Jürgen, der Ältere, leitete ab Mitte der sechziger Jahre, nachdem der aus der Emigration zurückgekehrte Hans Sanden (der letzte jüdische Theaterdirektor aus der großen Zeit Berlins) gestorben war, mit dem Vater zusammen die Häuser. Seit dessen Tod 1976 übernahm er immer mehr allein die Geschäfte. 1988 ließ er in Hamburg die „Komödie Winterhuder Fährhaus“ bauen, 1996 in Dresden, gewissermaßen als persönlichen Beitrag zur Wiedervereinigung, die dortige „Komödie Dresden“. Außerdem wurde ein erfolgreiches Tourneeunternehmen gegründet. In den fünfzig Jahren vor der Jahrtausendwende waren die Bühnen am Kurfürstendamm vielleicht die florierendsten Privattheater in Europa. Der Komödienspielplan in höchster Qualität und nicht zuletzt die beliebten Stars sorgten für ständig ausverkaufte Häuser, die Fernsehanstalten buhlten um Aufzeichnungen. Subventionen, die damals noch großzügig verteilt wurden, hatten diese Theater nicht nötig.

Martin Woelffer
Jürgens Söhne Martin und Michael, im Gegensatz zu Christians Nachkommen, wuchsen fast schicksalhaft mit dem Theater auf. Michael, der jüngere, lernte zuerst beim Fernsehen, wo er schnell avancierte und man ihm eine große Zukunft voraussagte, während Martin es vorzog, im fernen Madrid die schöneren Künste zu studieren. Der tragische Tod von Michael kurz vor der Eröffnung des Hamburger Hauses schien beinahe den Fortgang der Direktion zu gefährden, wenn Martin sich nicht entschlossen hätte, sein weiteres Leben nun endgültig dem Theater zu verschreiben. Er wurde Regieassistent und eröffnete bald das schon erwähnte „magazin“.

Wie oft hatte Großvater Hans gewarnt: „Die sieben fetten Jahre, wie die Bibel sagt, dauern mir schon viel zu lange!“ Nun sind die Zeiten schwerer geworden, auch bei uns. Und doch: die Direktion Wölffer behauptet sich noch immer ohne jede Subvention. Ihre Theater gehören nach wie vor zu den beliebtesten der jeweiligen Stadt. Damit das fortgeführt wird, hat Martin Woelffer schon ein Drittel der Berliner und Dresdner Anteile in seinem Besitz und schickt sich gerade an mit 39 Jahren der Chef der ganzen Direktion zu werden. Mit seiner Liebeswürdigkeit und seinem Gespür für das Theater hat er das Zeug, zu erreichen, dass in der dritten Generation auch wieder die fetten Jahre kommen. Und wer weiß: seine Söhne – Verzeihung, Martin ist moderner und zeugt nicht nur Männer: sein Sohn Jonas (7) und Töchterchen Luca (1,5) lassen sich schon verdächtig oft im Theater sehen: die 4. Generation.